Das europäische Amt für Rituale: Frieden

Das europäische Amt für Rituale: der Frieden  –  eine theatrale Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur an den 2.Weltkrieg.

Kurzbeschreibung  des  Projekts  
Wir möchten über die mit dem 2. Weltkrieg verbundenen Ritualen, wie „Reichsparteitage“ und „Siegestag“, mit Hilfe von theatralen und performativen Techniken reflektieren und von den neuen friedensschaffenden Zeremonien phantasieren. Als Ambiente für das Projekt dient das Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Als Ergebnis entsteht eine begehbare site-­specific Theaterperformance (für das breite Nürnberger Publikum zugänglich) mit jungen Schauspielern / Performern aus Nürnberg, Charkiw und Moskau.

Das Thema des Projekts
Die Erinnerungskultur an den 2. Weltkrieg zu einer Zeit zu bewahren, in der es kaum noch lebende Zeitgenossen gibt, ist nicht einfach. In Russland fokussieren sich die  “Meinungsbildner” auf den Sieg und unterstützen damit durch festliche Paraden die Erinnerungskultur an das Zweite Weltkrieg. Mittlerweile ist der „Siegestag“ in Russland zu einem Fest der Verherrlichung des Krieges und der Machtdemonstration mutiert. In der Ukraine wird der „Siegestag“ in den letzten Jahren erklärlicherweise nicht mehr so wie in Russland gefeiert, dennoch gibt es auch in der Ukraine Truppenparaden und Kultivierung des Kriegsheroismus – was unserer Meinung nach der Friedenswahrung widerspricht. In Deutschland will die jüngere Generation nicht weiter Schuldgefühle für die Taten ihrer Vorfahren tragen und wird daher oft zum Opfer von Rechtspopulisten, die behaupten, dass Deutschland ihre nationale Identität zurückholen muss. In jedem der Länder ist (mit unterschiedlicher Intensität) das Problem der Wahl der kulturellen Strategie zu beobachten: bewegen wir uns in die Richtung der Transkultur und Diversität oder machen einen Schritt zurück zu der „Archaik“ der geschlossenen Gesellschaften. Aus der Erinnerungskultur in Deutschland ist ein Verantwortungsbewusstsein entstanden. Und ja, es hat keinen Sinn, weiterhin zu trauern und uns für die Sünden unserer Vorfahren verantwortlich zu machen. Aber es ist wichtig, die Freude jener Werte, die aufgrund der Schuld entstanden sind, zu erfassen und zu feiern. Sie weiter zu leben und mit den anderen zu teilen.

Theater ist für mich immer schon ein Ritual. Das Ritual der Überwindung des Todes und des Triumphs des Lebens. Bei diesem Theaterlabor fragen wir uns, welche Art von Ritual nötig ist, um die Geister der Vergangenheit loszuwerden, die uns daran hindern, heutzutage friedlich und glücklich zu leben? Wie können wir aufhören, die Geister vergangener Kriege anzubeten? Wie kann man den Kriegskult im Allgemeinen loswerden? Es gibt das Sprichwort „ohne die Vergangenheit gibt es keine Zukunft“, aber ich denke, dass die Zukunft nicht kommen wird, bis wir uns von der Vergangenheit verabschiedet haben. Damit etwas Neues geboren wird, muss das Alte sterben. Anders geht nicht.
Yury Muravitsky, künstlerische Leitung, Moskau

Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Techniken des Körpers zu verstehen, die mit der Erinnerung an die Vergangenheit verbunden sind, insbesondere solch traumatische wie die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Die Äußerung von kollektiven und privatem Gedächtnis ist mit unterschiedlichen Mechanismen der Beeinflussung unserer Körperlichkeit verbunden. Das kollektive Gedächtnis ist durch Staat und Tradition geregelt, das private Gedächtnis liegt im Bereich der persönlichen Erfahrung und ist in diesem Sinne weniger normalisiert. Die Arbeit mit dem Körper kann uns helfen, zu verstehen, in welchen Wechselwirkungen sich etwas so Persönliches wie Erinnerung und so Künstliches wie die öffentliche Tradition befinden. Wir versuchen diese Beziehung zu verfolgen und zu verstehen, woran wir uns wirklich erinnern. Dies wird zeigen, dass der Körper der ehrlichste Mechanismus ist, der alle Menschen gleich macht. Und genau durch die Ehrlichkeit des gegenwärtigen Körpers kann die Erinnerung an die Vergangenheit geeinigt werden.
Oxana Cherkashina, künstlerische Leitung, Charkiw

Die Ziele des Projekts
-­ eine Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur an den 2. Weltkrieg: welche Rolle spielt die Vergangenheit für die Gegenwart und die Zukunft; wie kommen wir zu einer möglichst objektiven gemeinsamen Geschichte;  
-­ eine Auseinandersetzung mit der Rolle der Zeremonien und Ritualen;  
-­ die Stärkung und Förderung der internationalen kulturellen und künstlerischen Zusammenarbeit;  
-­ Förderung des transkulturellen Selbstbewusstseins: Reflektieren über die Selbst-­Identifizierung und kulturelle Identität, "Eigenes" vs. "Fremdes", Mehrdeutigkeit in der Geschichte, Gleichzeitigkeit der kulturellen  Einflüsse, Kosmopolitismus;  
-­ Förderung der wichtigen Kompetenzen, wie emphatische Kommunikation, künstlerische Kompetenzen, Umgang mit dem dokumentarischen Material in der künstlerischen Arbeit;    
-­ das Ergebnis der internationalen kulturellen und künstlerischen Zusammenarbeit nach außen tragen.

Ergebnispräsentation findet am 10. August am Reichsparteitagsgelände statt. Mehr Info folgt.

Gefördert durch: Stiftung EVZ, Bewerbungsbüro Kulturhauptstadt Nürnberg, Kulturreferat Nürnberg, Amt für internationale Beziehungen Nürnberg

Änderungen vorbehalten